Sinnvoll sein

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Wie oft am tag denken oder sagen Sie:
Ist das sinnvoll? oder: Ist das sinnlos?
Vielleicht erfolgt aus diesem Bewerten auch eine allmähliche
Veränderung: indem sie vorrangig Sinnvolles tun – und mehr und mehr
das Sinnlose unterlassen. aber was ist sinnvoll?

Gewiss gibt es unterschiedliche persönliche Kriterien für die Unterscheidung was für sinnvoll erachtet wird – und was nicht. Dabei kann die bisherige Lebenserfahrung, vielleicht die Erfahrung von Krankheit, Leid und Verzweifl ung, von Vergänglichkeit, von Scheitern oder gar von Schuld richtungsweisend sein. Kaum ein Mensch kann von sich sagen, er habe bisher alles richtig gemacht und keinerlei Schaden verursacht. Mit diesen Erfahrungen wird man materielle Dinge nicht mehr für allein ausschlaggebend halten. Ratsam ist es, ein klares Bewusstsein zu entwickeln, was man selbst für sinnvoll erachtet und dabei herauszufi nden, was besonders sinnvoll ist – nicht immer wird es das sein, was einem selbst äußerst nützlich ist, was man unbedingt haben wollte. Das Sinnvolle ist nicht unbedingt das Gleiche wie das persönlich Nützliche. Wer nur auf den eigenen Nutzen achtet, kann seinen Sinn verfehlen und verlieren. Absichtslos kann das Sinnvolle jedoch zum Guten, auch eigenen Nutzen, gereichen. So scheint auf den ersten Blick der Altruismus, die Achtsamkeit, das Mitgefühl, die Hingabe, die Sorge für andere, das Gemeinwohl, die Selbstlosigkeit dem eigenen Nutzen abträglich zu sein. Selbstverständlich kann man kalkulieren: »Was ich ehrlich für andere, für deren Leben, für die Bewahrung der Umwelt und die Zukunft des Lebens leiste und gebe, auch ohne Mindestlohn, das geht mir selber, meinem Besitz und Genuss, meinem Einkommen ab. Und das wäre schlecht für mein Geschäft und mein eigenes Leben.« Tatsächlich ist der Altruismus sinnvoller und wirksamer, intelligenter und hilfreicher als der Gegenpol: der Egoismus. Das Denken, Fühlen und Handeln vieler Menschen ist aber mehr von Egoismus als von Altruismus bestimmt. Deren Motto ist: »Jeder ist sich selbst der Nächste.« Womit die Denk- und Verhaltensweise in den westlichen Noch-Wohlstandsländern – vom Kapitalismus genauso geprägt wie von sozialistischer Umverteilung und weit entfernt von dem christlichen Rat »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« – wenig zukunftsfähig ist. Auch der religionskritische Mathematiker und Philosoph Auguste Comte, der wenige Jahrzehnte nach der französischen Revolution den Begriff Altruismus geprägt hatte, meinte zunächst, altruistisch handelnde Menschen hätten Egoistischen gegenüber mehr Nachteile als Gewinne. Neueren Forschungen zufolge erbringt altruistisches Handeln meist keinen schnellen Gewinn – wohl aber langfristig: für beide Seiten, für das gesamte System. Also ein wirkliches WIN-WIN-Ergebnis. Altruismus-Forscher sprechen sogar – über den ethisch gebotenen moralischen Altruismus hinausgehend – vom rationalen Altruismus, den auszuüben vernünftig und klug sei. In seinem Buch Rationaler Altruismus (Universitätsverlag Rasch, 2000) begründet Christoph Lumer, Professor für Moralphilosophie, Universität Siena, wissenschaftlich präzise, dass Altruismus nicht nur gut für die (heute sogenannten) Leistungsempfänger ist, sondern auch für die Leistungserbringer. Insofern könnten auch eingefleischte Egoisten davon profitieren, altruistisch zu werden. In der Novelle A Christmas Carol (erschienen am 19.12.1843), »Eine Weihnachtsgeschichte« von Charles Dickens mit der Wandlung des hartherzigen Egoisten und Geizhalses Ebenezer Scrooge zu einem neuen Altruisten klang das schon an. Altruismus ist eine wichtige, meines Erachtens essenzielle Komponente sinnvollen Lebens, aber gewiss nicht die Einzige. Ohnehin kann ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, nicht sagen (das wäre anmaßend) was ihr Sinn sei. Den eigenen Sinn (bitte nicht mit Eigensinn verwechseln) zu entdecken und zu beachten, auch zu entwickeln, ist höchst individuelle Aufgabe. Verständlicherweise fragen Menschen solange es ihnen halbwegs gut geht, solange sie von Schicksalsschlägen und Herausforderungen verschont bleiben, kaum nach dem Sinn ihres Lebens. Ihnen geht es um ganz andere, scheinbar wichtigere Dinge. Umfragen zufolge ist jede/jeder Dritte der Befragten am Sinn des eigenen Lebens nicht interessiert. In schwierigen Lebensphasen kann sich das als nachteilig erweisen – in Verzweiflung münden. Sinnfreien Personen fällt es schwerer Belastungen, Enttäuschungen und Verluste , sowie Krankheiten zu überwinden. Oft ist dann zu hören, alles sei sinnlos. Mit dieser Einstellung neigen Kranke dazu, die rationalen Chancen ihrer Therapie zu unterschätzen und deren gewiss sorgfältig zu beachtende Nebenwirkungen zu überschätzen. Aber manchmal setzt dann doch eine Sinnsuche ein, wodurch die Heilungschancen wachsen. Manchen Menschen wird erst nach vielen Jahren klar, dann oft sehr plötzlich, dass ihr Lebenssinn ihnen bisher nicht bewusst war. Weil sie vor allem äußeren Dingen – und noch mehr dem dafür erforderlichen Geld – nach jagten. Wenn diese Erkenntnis sehr spät kommt – mitunter zu spät – kann vieles schon schief gelaufen und Tragik entstanden sein. Dann wächst die Gefahr, depressiv zu werden. Die Depression ist eine potentiell lebensverneinende Krankheit und eine der quälendsten. Häufig berichten Patienten, die an einer Depression leiden, dass ihnen ihr Leben sinnlos erscheine, dass ihnen alles sinnlos geworden sei. Die ursächlichen Zusammenhänge zwischen Depression und Sinnverlusten sind wechselseitig. Was davon zuerst entstand – das Fehlen von Sinn oder die Depression – soll und kann nicht apodiktisch beurteilt, oder gar verurteilt werden. Wahrscheinlich werden Depressionen von einem Mangel an bestimmten Neurotransmittern (Botenstoffen im Zentralnervensystem) mit verursacht. Daher sind Mittel (pflanzlicher oder auch synthetischer Herkunft) zur Bildung von Neurotransmittern auch hilfreich zum Lindern von Depressionen. Andererseits kann der Mangel an diesen Botenstoffen – und damit die Depression – auch aus Erschöpfung und Überforderung resultieren, vor allem dann, wenn das eigene Leben als sinnlos empfunden wird. Auch deshalb ist es sinnvoll, statt sinnleer oder gar sinnlos, sinnvoll zu sein. Der Sinn kann jedoch nicht erzwungen oder verordnet, auch nicht gekauft werden. Zudem wirkt auch eine bevormundende Politik, die alles und jedes regeln und kontrollieren will, mit Gesetzen, deren Nachhaltigkeit keineswegs sicher ist, deren Risiken und Nebenwirkungen weit weniger überprüft sind, als die von Medikamenten, individuell nicht gerade sinnstiftend. Quem deus vult perdere, prius dementat, sagt eine lateinische Weisheit aus alter Zeit: Wen Gott zerstören will, dem nimmt er vorher den Verstand bzw. den Sinn. Ist das ein Menetekel für unsere Zeit, in der Demenz immer häufiger wird? Aus dem lateinischen Verb dementare ist der Begriff Demenz entstanden. Einer der hilfreichsten und wirksamsten Psychotherapeuten im vorigen Jahrhundert war der Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl (1905 –1997). Die von ihm aus der Existenzphilosophie entwickelte Logotherapie geht von der Frage nach dem Sinn des Menschen, bzw. des jeweiligen Patienten aus. Viktor Frankl hat das in einem Vortrag 1976 in Wien in seiner besonderen Art so erklärt: „Der Mensch auf der Suche nach Sinn“, um den Buchtitel zu gebrauchen, wird unter den gesellschaftlichen Bedingungen von heute eigentlich nur frustriert! Und das rührt daher, dass die Wohlstandsgesellschaft bzw. der Wohlfahrtsstaat praktisch alle Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen imstande ist, ja, einzelne Bedürfnisse werden von der Konsumgesellschaft überhaupt erst erzeugt. Nur ein Bedürfnis geht leer aus, und das ist das Sinnbedürfnis des Menschen , sein „Wille zum Sinn“, wie ich ihn nenne. Das dem Menschen zutiefst innewohnende Bedürfnis, in seinem Leben oder vielleicht besser gesagt, in jeder einzelnen Lebenssituation, einen Sinn zu finden und hin zu gehen und ihn zu erfüllen! Um solcher Sinnerfüllung willen ist der Mensch auch bereit zu leiden, wenn es nötig sein sollte. Umgekehrt aber, wenn er um keinen Sinn des Lebens weiß, dann pfeift er aufs Leben auch wenn es ihm äußerlich noch so gut gehen mag und unter Umständen schmeißt er es dann weg.“ Viktor Frankl wusste aus eigenem Überleben in Konzentrationslagern sehr genau, wovon er da sprach. Von diesem besonderen Arzt sind etliche, meines Erachtens hochwirksame Bücher erschienen, die meine eigene Arbeit wesentlich mit geprägt haben. In weiteren Ausgaben von reformleben möchte ich auf einzelne Inhalte daraus näher eingehen.

Dr. med. Klaus Mohr
Facharzt für Allgemeinmedizin Seit 1981 Hausarzt in Landpraxis, bemüht um die Integration von wissenschaftlicher Medizin und Naturheilkunde, um ganzheitliches psychosomatisches Verständnis, um Ernährungslehre und präventive Anwendung von Naturstoffen. Bis 1990 auch Dozent an der Reformhaus-Fachakademie. Seit 2005 weiterbildender Arzt im Fach Allgemeinmedizin. Publikation gesundheitsfördernder Informationen in der Zeitschrift reformleben. Und immer noch Hausarzt.