Was sollen wir essen?

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Die einfachste und wissenschaftlich bestätigte Empfehlung
für Langlebigkeit und längere Gesundheit ist:
Nicht mehr als nötig essen.

Wenn die Nahrungsmenge genau dem aktuellen Energiebedarf entspricht, wird sie als isokalorisch bezeichnet. Als optimal für die Lebensdauer und die Gesundheit gilt eine kalorisch knappe Ernährung, mit der Menschen früher oftmals bestenfalls vorlieb nehmen mussten, die sie aber nicht ganzjährig hatten. Unsere frühen Vorfahren erkrankten und starben vor allem an Mangel- und kaum an Überernährung. Heute, in unserer Gesellschaft, ist es umgekehrt. Viele Menschen essen zu viel, wobei der Anteil der Kohlenhydrate in diesem Zuviel meistens sehr hoch ist. Meines Erachtens – etliche Studien sprechen dafür – ist die hohe Kohlenhydratzufuhr ein wesentlicher Faktor, vielleicht der Hauptfaktor, für das Entstehen der meisten Zivilisationskrankheiten, die scheinbar ganz unterschiedlicher Art sind, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben – bis auf die Tatsache, dass sie in der Zivilisation sehr häufi g auftreten. Was in ihrer Bezeichnung klar zum Ausdruck kommt, aber nichts über die Hauptursache sagt. Klar: alle zivilisatorischen Einflüsse können zum Entstehen von Krankheiten beitragen. Und davon in erster Linie die Umweltbelastung, die Veränderung unserer Lebensweise. An die Höhe der Kohlenhydratzufuhr, die seit der Industrialisierung der Landwirtschaft und dem Massenanbau von Getreide auf riesigen Ackerflächen möglich ist (etliche davon nach Rodung von Regenwald „geschaffen“), wird dabei aber nur selten gedacht. Unsere Vorfahren konnten schon seit der gewiss segensreichen Entwicklung des Ackerbaus vor ca. 12.000 Jahren den Kohlenhydrat-Anteil in ihrer Nahrung mit mühsamer Arbeit ein wenig erhöhen, im Schweiße ihres Angesichtes. In der breiten Bevölkerung der Wohlstandsländer ist die Kohlenhydratzufuhr seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ziemlich üppig und folglich werden immer mehr Menschen übergewichtig. Daher gerieten die Nahrungsfette wegen ihres höheren Energiegehaltes in Verruf. Etliche Befunde sprechen nun dafür, dass die neue Nährstoffrelation – mehr Kohlenhydrate und weniger Fette – ein wesentlicher Faktor für das Entstehen der Zivilisationskrankheiten sein könnte: vor allem von chronischen Entzündungen, von rheumatischen Erkrankungen, von Autoimmunerkrankungen, von Krebs und Demenz. Seit vielen Jahren arbeite ich zur Prävention und Therapie dieser Krankheiten mit ursprünglicher Kohlenhydrat-Fett-Relation (und ernähre mich aus Überzeugung auch selber so). Selbstverständlich sollten diese Fette nicht aus Schlachtprodukten bezogen werden sondern aus mehreren hochwertigen Pfl anzenölen (Bioanbau): Olivenöl, ein wenig Kürbiskernöl und kleinen Mengen anderer Öle – wie Rapsöl, vor allem aber aus hochwertigem Leinöl und Kokosöl. Gerade in der Prävention aber auch in der adjuvanten Therapie von Krebserkrankungen, ist, wie schon Johanna Budwig erkannt hatte, das Leinöl essenziell. Zudem wirkt ketogene Ernährung (die aus wenig Kohlenhydraten und statt deren aus mehr Fetten bzw. Ölen besteht), von neuen Erkenntnissen bestätigt, wahrscheinlich gut krebshemmend. Krebszellen brauchen für ihre Vermehrung viele Kohlenhydrate, die sie vergären. Mit Ketonkörpern, die aus relativ kohlenhydratarmer und dafür fettreicher Nahrung leicht aus Kokosöl (s.S.13) entstehen, können sie nicht viel anfangen. Dagegen können gesunde Körperzellen mit Ketonkörpern sehr gut leben: weitaus besser als mit üppiger Kohlenhydratzufuhr. Das gilt auch für unser Gehirn, für den Schutz vor Demenz und anderen Krankheiten, deren gemeinsame Ursache chronische Entzündung ist. Von Anfang an war das Ernährungsbewusstsein die Kernkompetenz der Reformhäuser, sowie die daraus resultierende Bereitstellung hochwertiger Produkte, selbstverständlich aus Bioanbau. Zur vegetarischen Ernährung sind diese hochwertigen Produkte segensreich für die Gesundheit und die Ökologie, seit weit mehr als hundert Jahren. Gewiss ist das Vegan-sein, das selbstverständlich auch das Anziehen von Lederschuhen ausschließt, ethisch hochstehender als die Akzeptanz vegetarischer Ernährung für Joghurt, Quark und Honig. Gewiss kann man heute, in einer wohlhabenden Industriegesellschaft nach der Agrarrevolution ganz gut vegan leben. Unsere Vorfahren konnten das nicht. Die ehrenwerte vegane Ernährungsweise wird hierzulande mit der Behauptung »Unzählige ernährungsbedingte Krankheitsbilder heilten in nur 30 Tagen ab« attraktiv vermarktet. An derartige Versprechen von schnellen Wunderheilungen mag man glauben oder auch nicht. Es wäre sehr schade, wenn die vegane Kost wegen derartiger Verheißung und dem Ausbleiben von schneller Wunderheilung in Misskredit geriete. Schade, weil die vegane Lebensweise die Haltung, Qual und den gewaltsamen Tod von sogenannten Nutztieren und vor allem die Massentierproduktion abwenden will – wohl jeder von uns möchte diesem ethischen Aspekt zustimmen. Zudem kann vegane Kost für die Gesundheit der Menschen, für die eigene Gesundheit, zuträglich sein: aber nur dann, wenn sie nicht pauschal zugeführt, sondern bewusst und differenziert mit genauem ernährungsphysiologischem Wissen zusammengestellt wird. Unsere Vorfahren wussten schon, dass bestimmte Pflanzenarten sehr gut für die Gesundheit des Menschen sind und manche Pflanzenarten weniger gut als Nahrung geeignet sind. Sie erkannten zudem, dass manche Pflanzenarten im Menschen giftig wirken und keinesfalls zur Nahrung genommen werden dürfen. Aufgrund dieses traditionellen Wissens kann die vegetabile aber auch die streng vegane Ernährungsweise mit neuen Erkenntnissen der Ernährungsphysiologie weiter optimiert werden. Die Beachtung und bestmögliche Einstellung der Kohlenhydrat-Fett-Relation in der täglichen Nahrung trägt zu dieser Optimierung bei. Ob Veganer oder Vegetarier oder Mischköstler: wesentliche Hinweise zu dieser Optimierung können Sie in dieser Ausgabe (und eventuell folgenden) von reformleben finden.

 

Dr. med. Klaus Mohr
Facharzt für Allgemeinmedizin Seit 1981 Hausarzt in Landpraxis, bemüht um die Integration von wissenschaftlicher Medizin und Naturheilkunde, um ganzheitliches psychosomatisches Verständnis, um Ernährungslehre und präventive Anwendung von Naturstoffen. Bis 1990 auch Dozent an der Reformhaus-Fachakademie. Seit 2005 weiterbildender Arzt im Fach Allgemeinmedizin. Publikation gesundheitsfördernder Informationen in der Zeitschrift reformleben. Und immer noch Hausarzt.