Brennnesselblätter – Urticae folium

93

Die Haare der Brennnessel brennen und stechen bei Kontakt mit der Haut. Im lateinischen Namen ‘Urtica’ (urere = brennen) finden wir das Brennende wieder. Der Sage nach soll die Heilpflanze so begehrt gewesen sein und im Übermaß gepflückt worden sein, dass sie sogar vom Aussterben bedroht gewesen sein soll. Sie wehrte sich in der Folge mittels Entwicklung von Brennhaaren auf den Blättern, die das Pflücken unterbanden. Diese brechen bei Berührung ab und entleeren in der Haut Methansäure sowie den Nervenwirkstoff Acetylcholin, die den brennenden Schmerz auslösen, sowie Histamin, das für den Juckreiz verantwortlich ist. Diese Substanzen und weitere verursachen die charakteristischen Haut- Quaddeln. Die Brennnessel fungiert bei der Hauterkrankung Nesselsucht (auch: Urticaria) als Namensgeber, da hier wie bei einem Brennnesselkontakt juckende Hautquaddeln entstehen und Histamin aus den Mastzellen der Haut ausgeschüttet wird. Die Ursachen einer Nesselsucht sind mannigfaltig. Der Wortteil ‘Nessel’, der von einem alten indogermanischen Wort (nazza = nähen) herrührt, zeugt hingegen von den Zeiten vor Einführung der Baumwolle, in denen man aus den Fasern der Brennnessel Gewebe gesponnen hat. Von ‘nazza’ leitet sich im Übrigen das englische ‘nettle’ für nähen ab. Die Brennnessel wird mit Blitz und Donner in Verbindung gebracht, daher ihr niederdeutscher Name ‘Dunnernettel’ oder auch ‘Donnernessel’. Ein weit verbreiteter Glaube unter Bierbrauern besagt nämlich, dass Bier bei Gewitter umschlage. Aus diesem Grund soll man einen Strauß Brennnessel auf den Rand des Braugefäßes legen, damit der Donner dem Bier nicht schade. Hinter diesem Aberglauben verbergen sich möglicherweise kosmische Begebenheiten, denn die Brennnessel soll vornehmlich an Stellen mit erhöhter Erdstrahlung wachsen, an denen sich zwei oder mehrere Erdstrahlen schneiden und die als Blitzfangpunkte gelten, was naturwissenschaftlich – im Gegensatz zum Wachstum auf stickstoffreichen Böden – allerdings nicht nachgewiesen ist. Die Brennnessel gehörte offenbar bereits zum Heilpflanzenschatz altägyptischer Ärzte, denn man fand an der Mumie von Ramses II. deren Pollen. Der römische Gelehrte Gaius Plinius Secundus (23/24 –79) berichtete in seiner Naturgeschichte über die Gewinnung eines Öles aus der Pflanze und über dessen Samen, die als Gegengift bei Skorpionstichen und Schlangenbissen wirken sollten. Des Weiteren führte er eine Wirksamkeit bei Nasenbluten, Geschwüren, Gelenkschmerzen und Uterusbeschwerden auf. Der Auszug aus der Pflanze galt als entwässernd und hilfreich bei ‘Steinen’ (der Niere oder Galle). In der materia medica des griechischen Arztes Pedanios Dioskurides (um 1. Jh.) finden sich ähnliche Indikationen. Dioskurides gibt zudem an, dass der Verzehr der Samen als sexuelles Stimulansmittel galt. Tatsächlich enthalten die Wurzeln und Samen der Brennnessel hormonähnliche Stoffe, die bei Störungen der Libido bzw. der Potenz, Prostatabeschwerden aber auch bei anderen Beschwerden der männlichen Geschlechtsorgane heilsam wirken. Das erklärt auch deren Einsatz in Liebestränken und Kraftweinen. Der Mediziner und Botaiker Leonhard Fuchs (1501–1566), gab in seinem New Kreüterbuch von 1543 im Wesentlichen die Ausführungen von Plinius und Disokurides wie folgt wieder: »Nessel bletter mit saltz zerstossen und übergelegt / heylen die biß der unsinnigen hünd / unn die grossen geschwer. Deßgleichen über faule schäden / als Krebs unnd dergleichen / gelegt / reynigen sie die selbigen / unnd heylens. … Wann sie aber frisch werden über die muter gelegt die herauß begert / so treiben sie dieselbigen wider hindersich. Der sam auß süssem wein getruncken / reitzet zur unkeüscheyt / unn eröffnet die muter. Gedachter sam mit honig vermengt / unnd ein latwerglin darauß gemacht / ist gut für das keichen / seiten oder rippen / unnd lungen geschwer. Er macht auch außwerffen / und reyniget die brust. Die bletter mit meerschnecken gesotten und getruncken / lindern den stulgang / und treiben den harn.“ Die Brennnessel galt demnach als harntreibend und fand ihre Anwendung zudem bei verschiedensten Krankheiten wie krebsartigen Geschwüren, Hundebissen oder Lungenbeschwerden. Brennnessel-Mus enthält entzündungshemmende Stoffe wie Flavonoide und Kaffeoyläpfelsäure, weshalb der Einsatz bei Hautkrankheiten sinnvoll ist. Aufgrund des hohen Eisengehaltes nutzt man die Pflanze auch heute noch als Stärkungsmittel zum Beispiel bei Blutungen nach der Geburt, um neues Blut zu bilden. Neben Eisen enthält die Pflanze ferner Vitamin C, Mineralien wie Kalzium, Magnesium und Silizium sowie Spurenelemente. Sie fördert den Stoffwechsel und damit auch die Durchblutung der Haarwurzeln und regt zusammen mit den Mineralien sowie Spurenelementen das Wachstum der Haare an, weshalb man Brennnessel oftmals in Haarwässern oder Shampoo findet. Man wendet die Brennnessel heute traditionell zu Frühjahrs- und Blutreinigungskuren an, da sie aufgrund des hohen Kaliumgehaltes durchspülende sowie entwässernde Wirkung aufweist und den Körper somit von Giftstoffen reinigen kann. Verwendung findet sie vor allem bei Harnwegsinfektionen und Nierensteinleiden oder aufgrund der Senkung des Harnsäurespiegels bei Gicht. Aber auch arthritische oder rheumatische Beschwerden können gelindert werden. Zugelassen sind die Brennnesselblätter bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege und vorbeugend bei Nierengries. Aufgrund der stark ausschwemmenden Wirkung darf Brennnessel jedoch nicht bei Ödemen infolge von eingeschränkter Herz- oder Nierentätigkeit angewendet werden. Das Reformwarenhaus und die Apotheke bieten zahlreiche Produkte aus Brennnessel wie Tee, Pulver oder Kapseln aber auch Haarwasser und Shampoo an. In der Homöopathie wird aus der ganzen blühenden Pflanze ein Mittel gegen Nesselsucht und andere Hautausschläge mit Brennen und Jucken hergestellt.