Lindenblüten – Tiliae flos

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Mondscheintrunkne Lindenblüten, / Sie ergießen ihre Düfte,
Und von Nachtigallenliedern / Sind erfüllet Laub und Lüfte.
Heinrich Heine (1797–1856)
Neuer Frühling

In Europa sind die Sommer- (Tilia platyphyllos) und die Winterlinde (Tilia cordata), die einige Wochen später blüht, heimisch. Der Lindenbaum, dessen Blätter herzförmig sind, gilt als Baum der Liebenden und soll der Liebesgöttin Freya gewidmet sein; dies ist allerdings nicht hinreichend belegt. Unter der Linde werden in Dörfern Feste gefeiert, getanzt und gesungen. Im germanischen Volksglauben hatte die Linde eine weitere große Bedeutung. In vielen Ortssagen galt die Linde als heiliger bzw. bemerkenswerter Baum, so dass man unter der Dorflinde Gericht hielt, weshalb sie auch Gerichtsbaum bzw. Gerichtslinde genannt wird. Des Weiteren schützt die Linde vor Verzauberung und allem Bösen. An Johanni steckt man in Niederösterreich Lindenzweige an die Haustür, um Einbrecher fernzuhalten. In der Gegend von Posen halten Lindenäste an Stalltüren und Lindenbast an den Hörnern der Tiere befestigt Hexen fern. Am meisten verbreitet ist jedoch das Wissen um die arzneiliche Anwendung der Lindenblüten. Der Wirkstoffgehalt der Blüten ist ein bis drei Tage nach dem Aufblühen am größten, deshalb sollten sie in dieser Zeit gepflückt werden. Sie enthalten Glykoside (Flavonoide und Saponine), Gerbstoffe und Schleimstoffe. Die Schleimstoffe stillen Hustenreiz und lindern Halsschmerzen. Die Glykoside wirken krampflösend, schmerzstillend und entzündungshemmend. Lindenblütentee wird traditionell als schweißtreibendes und fiebersenkendes Mittel bei Erkältungskrankheiten verwendet. Die schweißtreibende Wirkung des Lindenblütentees beruht teilweise auf einem physikalischem Effekt. Heiße Flüssigkeit wird in Form des Tees dem Körper zugeführt und man kann im Sinne einer Schwitzkur für eine verminderte Wärmeabgabe sorgen, wenn man sich in Decken einhüllt. Am effektivsten ist die schweißtreibende Wirkung am Nachmittag und Abend. Die Kommission E – eine selbstständige wissenschaftliche Sachverständigenkommission für pflanzliche Arzneimittel des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) – hat der Linde eine Positiv-Monographie als Grundlage für die Zulassung von pflanzlichen Arzneimitteln erteilt. Damit ist die Wirksamkeit und Verträglichkeit der innerlichen Anwendung für Katarrhe der Atemwege und trockenem Reizhusten geprüft und das Kraut als traditionelles Arzneimittel zugelassen worden. Lindenblütentee gehört zum Standardsortiment einer jeden Apotheke und eines jeden Reformwarenhauses. Umschläge mit Lindenblütenwasser – einfach hergestellt mit einer Hand voll Lindenblüten auf 1/4 Liter heißes Wasser und dieses abkühlen lassen – helfen bei leichten Verbrennungen und entzündeten Hautstellen. Neben den Blüten der Linde kommen auch deren Blätter zur Anwendung. Bereits im ausgehenden Mittelalter nutzte man die Blätter des Lindenbaumes als wundheilendes Mittel. Man wusste zudem von der harntreibenden und menstruationsfördernden Wirkung der Lindenblätter und -blüten. So schrieb der Mediziner und Botaniker Leonhard Fuchs (1501–1566 ) in seinem New Kreüterbuch von 1543 : »Die bletter vom Lindenbaum dem weible / grün mit essig zerstossen unnd übergelegt / heylen die wunden. Der safft auß den blettern unn blumen / vertreibt runtzel unn flecken des angesichts / darmit gewäschen. Der safft von der innern rinden angestrichen / legt nider die geschwulst. Die rind im mund gekewet und übergelegt / heylet die wunden. Gedachter safft angestrichen / macht das har wachsen / und verhindert das es nit außfelt. Die bletter im mund gekewet / heylen die mundfeule. Inn wein oder wasser gesotten unnd getruncken / treiben sie den harn / unn bringen den frawen jre zeit. Sie seind auch diser gestalt gebraucht gut denen so die fallende sucht haben / unnd treiben das grieß. Die wurtzel hatt gleiche krafft. Die bletter zerknütscht unnd auff die geschwollne füß gelegt / treiben die geschwulst hinweg.« Ein Geheimtip für Frauen mit empfindlichen Augen ist der Linden-Lidschatten, der nicht nur verträglich ist, sondern auch gerötete Augenränder heilt. Für die Herstellung des Lidschattens lässt man einen Linden-Ast mit der Rinde langsam verkohlen. Von dieser Kohle verreibt man 2g in einem Mörser und gibt langsam Tropfen für Tropfen eine Mischung aus 7ml Glycerin und 3ml Wasser zu – insgesamt 6 bis 8 Tropfen. Jeden einzelnen Tropfen rührt man sorgfältig ein, bis das Pulver leicht zusammenklumpt und fest angedrückt werden kann. Für etwas Farbe kann man getrocknete Rosenblütenblätter oder Malvenblütenblätter hinzugeben. Die Linde ist Trachtpflanze für die Honigsorten Lindenhonig und Lindenblütenhonig. Letzterer entsteht durch Bienen aus dem Nektar der Lindenblüten. Besitzt der Honig zudem einen Anteil an Honigtau – ein zuckerhaltiges Ausscheidungsprodukt verschiedener Insekten –, den Bienen gelegentlich von der Linde sammeln, so bezeichnet man die Honigsorte als Lindenhonig. Der Lindenblütenhonig hat eine weiße Farbe, wohingegen der Lindenhonig je nach Menge des Honigtaus gelblich bis bräunlich ist Lindenblüten werden in der Nouvelle Cuisine als kulinarischer Gaumenschmaus in Gelees, Sirupen, Panna Cotta oder als essbare Blüten in Salaten angeboten.