Vertrauen ist lebensfördernd

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Wem – und worauf – kann man derzeit noch vertrauen?
Welcher Politik, gar welcher Polemik, welcher Behauptung, welcher Maßnahme,
welcher Medizin, welchem Mittel? Stets wird uns Kontrolle geboten, für die wir
– oder andere – bezahlen müssen.
Zum Ausgleich dafür werden wir versorgt und überwacht.

Ist Vertrauen noch sinnvoll? Oder ist es gefährlich geworden zu vertrauen? Ist es sicherer, stets misstrauisch zu sein? Von Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, ist dessen Credo überliefert: »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser«. Lenin war anscheinend kein vertrauender, sondern ein extrem misstrauischer Mensch. Mit Brutalität und Terror etablierte er nach Jahren im Untergrund (und Exil in der Schweiz) von 1917 an die Herrschaft der kommunistischen Partei, deren Vorsitz er hatte, in Russland. Da war aber Lenin, in seinem siebenundvierzigsten Lebensjahr, schon krank. Er litt an Zwangsvorstellungen. Fünf Jahre später wurde Lenin von einem Schlaganfall betroffen und rechtsseitig gelähmt, an dessen Folgen er 1924 starb, in seinem vierundfünfzigsten Lebensjahr. Zweifellos hilft Misstrauen und Kontrollieren dabei, zu bekommen. Heute ist in Staaten und Konzernen, vor allem im Finanzwesen, das Controlling, zuerst in den USA etabliert, unverzichtbar geworden. Wird nun Lenins Denken in dieser Weise auch vom Kapitalismus bestätigt? Gewiss bedürfen große und komplexe Projekte, die von fehlbaren Menschen betrieben werden, stringenter Kontrollen. Das Befolgen von Gesetzen, Rechtsnormen und Auflagen muss überwacht werden. Wenn die Vertrauenswürdigkeit der Menschen, ob Leistungserbringer oder Leistungsempfänger, ob Produzenten oder Konsumenten schwindet, muss immer mehr kontrolliert werden. Kontrollen aller Art zu fordern und zu betreiben ist politisch opportun, obgleich es je nach Parteiideologie da unterschiedliche Schwerpunkte gibt. Im Zweifelsfall wird immer mehr kontrolliert. Das Kontrollwesen wächst unaufhaltsam. Allerdings verändert das Kontrollwesen nicht nur die Dinge, sondern auch die Menschen. Und das mehr als ihnen anfangs bewusst ist. Während die Dinge perfekter und sicherer werden, werden die Menschen selbst unsicherer und abhängiger. Sie verlieren ihre einstmalige Selbstverantwortung, ihre Selbstbestimmung und ihr Selbstvertrauen. Auch in demokratischen Staaten werden die Bürgerinnen und Bürger nicht nur behütet, sondern auch getrieben – einer Schafsherde vergleichbar, die vor Wölfen beschützt werden muss. Anscheinend wollen die meisten Wählerinnen und Wähler das so. Die einzige liberale Partei, die sich für Selbstverantwortung einsetzt, wird nur noch selten gewählt. Meine persönliche Alternative zu Lenins Doktrin ist: Kontrollen werden immer wichtiger, aber ohne Vertrauen kann unser System nicht bestehen. Misstrauen schafft wenig und zerstört mehr. Vertrauen wirkt gemeinschaftsbildend und lebensfördernd. In seiner letzten Rede zur Lage der Nation als Präsident der USA hat Barack Obama am 12. Januar 2016 bekannt: die Demokratie bedarf eines Grundvertrauens zwischen ihren Bürgern. Anderenfalls kann sie nicht bestehen. Demokratien sind auf Vertrauen und auf Vertrauenswürdigkeit gegründet. Ohne Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit kann auch der einzelne Mensch nicht gut leben. Der Mensch lebt nicht vom Brot (oder gar vom Geld) allein. Dazu brauchen Menschen Vertrauen: Gottvertrauen und Naturvertrauen sowie Selbstvertrauen. Lenin bezog seine Macht aus Misstrauen und Kontrollen. Von Schlaganfällen gelähmt starb dieser Mächtige früh. Kontrollen werden immer wichtiger, aber ohne Vertrauen kann unser System nicht bestehen. 14 Ausgabe 2 | 2016 Nr. 7 »Urvertrauen ist lebenswichtig« Erik H. Erikson Dass Urvertrauen (Basic Trust) lebenswichtig ist, begründete der Psychoanalytiker Erik H. Erikson in seinem Buch Childhood and Society, das erstmals im Jahr 1950 erschien. Demnach entsteht im ersten Lebensjahr jedes Menschen, im »extra-uterinen Frühjahr« das entscheidende Grundgefühl, ob dieser Säugling auch künftig seiner Umgebung vertrauen kann – oder nicht. In seiner psychotherapeutischen Arbeit hatte Erik H. Erikson erkannt, dass Urvertrauen für den Menschen lebensund gesundheitswichtig ist – und auch für die soziale Gemeinschaft unverzichtbar. Menschen brauchen Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit. Grundvertrauen (Urvertrauen) bedeutet aber nicht blind zu vertrauen, sondern bewusst. Dem zu vertrauen, das ehrlich, richtig und bewährt ist: das vertrauenswürdig ist. Und derart auch anderen und sich selber so zu vertrauen. Wohl wissend, dass wir niemals vor Irrtümern und Fehlern gefeit sind. Die Bereitschaft, zu vertrauen ist wohl jedem Menschen angeboren. Wird sie jedoch im ersten Lebensjahr nicht entwickelt oder gar enttäuscht, entsteht statt Grundvertrauen mehr Misstrauen, Zwanghaftigkeit und Machtstreben. Später fällt es dann schwer, von diesen Impulsen nicht völlig beherrscht zu werden. Der Gesundheit und dem sozialen Zusammenleben sind diese Impulse abträglich. Vertrauen hilft heilen. Es ist notwendiger Faktor zur Überwindung schwerer Krankheiten. Gewiss müssen da noch weitere Therapiefaktoren hinzukommen. Mit Vertrauen alleine kann allenfalls selten eine Art Wunderheilung erzielt werden. Andererseits wird die Wirkung auch der effektivsten Therapie vermindert oder gar völlig verändert, wenn das Vertrauen fehlt. Zutiefst misstrauische Menschen sind schwer heilbar. Vertrauen fördert und verbindet, integriert und baut auf. Während Misstrauen abwehrt und verhindert. Vertrauen wäre jedoch töricht, wenn es überhaupt keine Vertrauenswürdigkeit mehr gäbe. Tatsächlich ist unser derzeitiges System, auch die demokratische Politik, das Sozial- und das Steuerwesen und auch die moderne Medizin mehr von Misstrauen und Kontrollen als von Vertrauen bestimmt. Aus Misstrauen und Kontrollen allein entsteht jedoch keine Vertrauenswürdigkeit, sondern endlos wachsender Kontrollbedarf, an dem das gesamte System schließlich erstickt. Ohne das Vertrauen, wenn schon nicht aller, so doch einer Mehrheit ist es nicht zukunftsfähig. Allgemeines Vertrauen kann erst dann wieder entstehen, wenn das System und die Mehrheit darin wirklich ehrlich, zuverlässig und solidarisch wird – wenn aus ihm mehr Selbstlosigkeit als Verantwortungslosigkeit erwächst. Bis dahin gilt es, das persönliche Vertrauen zu bewahren, mit der Natur, die uns bisher ermöglicht hat. Gegen die Natur und auch ohne die Natur erwächst kein Vertrauen. Und ohne Vertrauen verkümmert der Mensch.

Dr. med. Klaus Mohr
Facharzt für Allgemeinmedizin Seit 1981 Hausarzt in Landpraxis, bemüht um die Integration von wissenschaftlicher Medizin und Naturheilkunde, um ganzheitliches psychosomatisches Verständnis, um Ernährungslehre und präventive Anwendung von Naturstoffen. Bis 1990 auch Dozent an der Reformhaus-Fachakademie. Seit 2005 weiterbildender Arzt im Fach Allgemeinmedizin. Publikation gesundheitsfördernder Informationen in der Zeitschrift reformleben. Und immer noch Hausarzt.