Pfefferminzblätter – Menthae piperitae folium

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»Wenn aber einer die Kräfte und Arten und
Namen der Minze Samt und sonders zu
nennen vermöchte, so müsste er gleich
auch Wissen, wie viele Fische im Roten
Meere wohl schwimmen«
Walahfried Strabo, ‘Hortulus’ um 840

Die Minze gehört zur Familie der Lippenblütler, die etwa 30 Arten umfasst. Sie neigt dazu, sich mit anderen Arten derselben Gattung zu kreuzen. Die Pfefferminze ist eine derartige Kreuzung aus der Wasser- (Mentha aquatica) und der Krauseminze (Mentha spicata). Erst 1696 entdeckte der britische Theologe, Altphilologe und Naturforscher John Ray (1627–1705) – auch als Vater der englischen Botanik bezeichnet – die Pfefferminze in der englischen Grafschaft Herfordshire. Der pfefferartige scharfe Geschmack gab ihr den Artnamen ›piperita‹. Das ›Peppermint‹- Exemplar von Ray bewahrt das Britische Museum in London sogar noch auf. Man begann schließlich um 1750 in Mitcham, einem seinerzeitigen Vorort von London, den erwerbsmäßigen Anbau und die Verbreitung der Pfefferminze. Die Mitcham-Pfefferminze ist eine in Europa heute noch hoch geschätzte Sorte. Sie gehört zur Klasse der dunkelgrünen Minzen, der ›black mint‹. Der Minzanbau hatte zu Anfang des 20. Jh. in Deutschland floriert, wurde jedoch, als der Arzneikräuter- und Gewürzmarkt für ausländische Waren in den 1950er Jahren geöffnet wurde, stark zurückgedrängt. Billigimporte und steigende Löhne führten schießlich dazu, dass sich der Minzanbau nicht mehr rentierte. Neben anderen kleinen Gebieten in Deutschland wird jedoch noch in der Gemeinde Eichenau bei München vor allem die Mitcham-Pfefferminze kleinflächig angebaut. Dort befindet sich seit 1986 das einzige Pfefferminzmuseum Deutschlands. In den Räumen der ehemaligen Gemeindebibliothek erfährt der Besucher Wissenswertes über Anbau, Ernte und Trocknung sowie über die Heilkraft bis hin zur Geschichte der Minze – wie etwa, dass der Name ›Mentha‹ auf die Nymphe Minthe zurückgeht, die vom Unterweltgott Hades verehrt wurde. Seine eifersüchtige Frau Persephone zerriß Minthe daraufhin in Stücke, die Hades auf einem sonnigen Berg verteilte. Daraus wuchsen Minzen hervor. In der griechischen Mythologie soll die Minze auch Hekate, die Göttin der Magie, der Hexen aber auch Schutzherrin von Hebammen gewesen sein, weshalb sie in Zaubertränken und Heilmitteln oft Verwendung findet. In der griechisch-römischen Antike nutzte man sie nachweislich in der Heilkunst zur Förderung der Verdauung und Menstruation sowie äußerlich gegen Hautkrankheiten. Die wilde Minze diente zudem als Abortivum. Die Griechen und Römer sollen ferner den Fußboden mit Minzblättern bestreut haben, um die Eßlust der Gäste anzuregen. Das Einreiben der Tische mit Minze sollte zudem die ›Fleischeslust‹ anregen. Bei Trinkgelagen, so berichtete es der römische Gelehrte Gaius Plinius Secundus (23/24–79), sollen Römer und Griechen Kränze aus Minze um den Kopf getragen haben, um einem Kater vorzubeugen. Nach der Vorstellung der Alten Ägypter hatte die Minze als aromatisch duftende Pflanze regenerative Wirkung und dürfte somit in der Heilkunde der pharaonischen Ärzte nicht gefehlt haben. In einem thebanischen Grab lagen auf einer Mumie Minzzweige, deren Art allerdings nicht bestimmt werden konnte, da die Blüten fehlten. Heute nutzt man in Ägypten das Kraut als Zusatz in heißen Bädern bei Hauterkrankungen und den Tee bei Störungen des Magen-Darm-Traktes. Dort wachsen zwei Sorten entlang des Nils und den Oasen: die Rossminze (Mentha longifolia) und Polei-Minze (Mentha pulegium). Die Pfefferminze wird zudem in großem Umfang seit der neueren Zeit in Ägypten künstlich angebaut. Aus dem Mittelalter wissen wir Folgendes über die Vielfältigkeit der Minzarten und deren Anwendung. Der Botaniker und Abt des Benediktinerklosters in Reichenau Walahfried Strabo (808/09–849) verfasste um 840 eines der bedeutendsten botanischen Werke des Mittelalters, nämlich das Buch über die Gartenpflege in Form eines Lehrgedichtes, den ›Hortulus‹. In diesem beschrieb er 24 Heilpflanzen sowie deren Anwendungsmöglichkeiten in Versform; darunter befindet sich neben Salbei, Wermut, Fenchel, Schlafmohn, Melone oder Lilie auch die Minze wieder, über die er schreibt: »Nimmer fehle mir auch ein Vorrat gewöhnlicher Minze, / So verschieden nach Sorten und Arten, nach Farben und Kräften. / Eine nützliche Art soll die rauhe Stimme, so sagt man, / Wieder zu klarem Klang zurückzuführen vermögen, / Wenn ein Kranker, den häufige Heiserkeit quälend belästigt, / Trinkend einnimmt als Tee ihren Saft mit nüchternem Magen« Neben der Minze widmete sich Strabo zudem der Polei-Minze sowie der Katzenminze. Über die Polei-Minze schrieb er: »Glaube mir, Freund, die Minze Polei, gekocht, wird dir heilen, Sei es als Trank oder Umschlag, den stockenden Gang der Verdauung […].« Über die Katzenminze wusste er: »Denn mit dem Öl der Rose vermischt, gibt der Saft eine Salbe, / Die, wie man sagt, vermöge die Schrammen verwundeten Fleisches / Und die entstellenden Spuren der eben verheilenden Narben / Gänzlich zu tilgen, der Haut ihre frühere Schönheit zu geben […].« Die Heilige und Universalgelehrte Hildegard von Bingen (1098–1179) beschäftigte sich in ihrem Werk ›Physica‹ gleich in mehreren Kapiteln der Minze. Die Wasserminze (Mentha aquatica) nutzte sie für Erkrankungen der Atemwege, die Rossminze (Mentha longifolia) bei Krätze, die Ackerminze (Mentha arvensis) bei Magenbeschwerden und die Krauseminze (Mentha spicata) bei Darmerkrankungen. Doch nicht nur Gelehrte wie Ärzte oder Botaniker wussten um die Heilkraft der Minze, so hielten Seefahrer mit ihr das Trinkwasser frisch und nutzten sie zusammen mit Ingwer gegen die Seekrankheit. Obwohl ihre Geschichte erst jung ist, gehört die Pfefferminze zu den beliebtesten Heilpflanzen. Sie enthält ätherisches Öl (mit der Hauptkomponente Menthol), Flavonoide, Gerbstoffe und Bitterstoffe. Als Teegetränk oder ätherisches Öl findet das ›Bauchwehkraut‹ Anwendung bei Magen-, Darm- und Gallebeschwerden. Die Pfefferminze wirkt nicht nur krampflösend, antibakteriell und antiviral, sondern zudem sekretlösend und kühlend. In Mundwasser hat sie antiseptische sowie antifermative Eigenschaften. Und so ist die Minze aufgrund ihrer Nützlichkeit in der Pflanzenheilkunde vom ›Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde‹ an der Universität Würzburg zur Arzneipflanze des Jahres 2004 erklärt worden. Das Trinken von Pfefferminztee kann über einen längeren Zeitraum bedenkenlos erfolgen. Die Anwendung von Pfefferminzöl ist allerdings nicht unbedenklich. Als Nebenwirkungen sind Ausschläge, Kopfschmerzen oder Durchfall zu nennen. Überdosen des Öls können sogar zu Nephritis und akutem Nierenversagen führen. Bei Säuglingen und Kleinkindern ist Pfefferminzöl als Anwendung im Bereich der Atmungsorgane aufgrund des Risikos des Glottiskrampfes und Atemstillstandes kontraindiziert. Neben dem Einsatz als Heilmittel nutzt man die Pfefferminze gern zur Aromatisierung von Kaugummi, Bonbons, Schokolade oder Eis. In der Küche ist sie als Zutat in Speisen oder Getränken ebenfalls nicht mehr wegzudenken.