Die Darm-Hirn-Achse

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Über den Zusammenhang von Darmflora und Erkrankungen von Nerven und Psyche

Unser Darm ist nicht nur ein Verdauungsorgan, er ist auch unser größtes Immunorgan. Im Vergleich zu unserer Außenhaut, die nur eine Fläche von ca. zwei Quadratmetern hat, stellt die Darmschleimhaut nämlich mit ihren 400 m2 Oberfläche den größten Kontakt zur Umwelt dar. Die Darmschleimhaut kann dadurch nicht nur die lebenswichtigen Nährstoffe und Energielieferanten in großen Mengen aufnehmen, sie kommt auch mit zahlreichen Fremdstoffen und Krankheitserregern in Kontakt. Für Nährstoffe muss sie durchlässig sein – das Eindringen von Schadstoffen muss sie hingegen verhindern. Daher beherbergt unser Darm auch fast 80 Prozent aller Immunzellen.

Dies zeigt, wie wichtig eine gesunde Darmschleimhaut für die Gesundheit des gesamten Körpers ist. Hinzu kommt, dass unser Darm von mehr als 100 Millionen Nervenzellen umhüllt wird, welche die Darmmuskulatur steuern und den Transport der Nahrung gewährleisten. Daher werden sie auch als „Darmhirn“ bezeichnet. 90 Prozent der Informationen verlaufen vom Darmhirn in die Schaltzentrale im Kopf, aber nur zehn Prozent in umgekehrter Richtung. Dies geschieht zum einen über Nervenverbindungen im Rückenmark und zum anderen über den zehnten Hirnnerv, den Nervus vagus, der vom Hirnstamm zum Verdauungsapparat verläuft und an vielen Regulationsvorgängen im Gastrointestinal- Trakt beteiligt ist. Bei dieser engen Verbindung und dem intensiven Informationsaustausch zwischen dem Darm und dem Gehirn spricht man von der sogenannten Darm-Hirn-Achse. Kein Wunder also, dass kein anderes Organ so sensibel auf Gefühle oder Stress reagiert wie unser Verdauungsapparat. Er beeinflusst die Gesundheit unseres gesamten Organismus. Viele Menschen leiden unter einem so genannten Reizdarm. Sie haben Bauchschmerzen, Durchfall und Verstopfung. Oft verbergen sich dahinter Probleme und Schwierigkeiten, die erst einmal „verdaut“ werden müssen.

Bakterienvielfalt minimiert Risiko

Der Darm kann auch Auslöser von Entzündungszuständen im Körper und Gehirn sein. Man hat nämlich festgestellt, dass ein verändertes Mikrobiom und ein Reizdarm oft mit psychischen Problemen wie Depressionen und Autismus-Störungen aber auch neurodegenerativen Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Parkinson oder Alzheimer einhergeht. So ist die Bakterienvielfalt bei vielen Multiple-Sklerose- Erkrankten deutlich geringer als bei gesunden Menschen. Dieser Mangel an Bakterien ist problematisch, da diese die kurzkettige Fettsäure Propion produzieren, die bestimmte Immunzellen im Gehirn beeinflusst, die an der Entstehung und dem Verlauf der Multiplen Sklerose beteiligt sind. Die Immunzellen funktionieren nur, wenn die Darmbakterien genügend Propion aus der Nahrung freisetzen. Die Zusammenhänge zwischen Darmflora und Erkrankungen von Psyche und Nerven konnten bereits an Studien mit Mäusen nachgewiesen werden. So entwickelten zum Beispiel Mäuse, die Kot von ängstlichen Mäusen transplantiert bekamen, selbst ein stärker ausgeprägtes ängstliches Verhalten.

Entscheidende Rolle der Ernährung

Eine entscheidende Strategie zur Reduzierung des Risikos für Erkrankungen von Psyche und Nerven ist eine darmflorafreundliche Ernährung. Dazu gehören natürlich an erster Stelle probiotische Lebensmittel wie Joghurt, Kimchi, Sauerkraut oder Kombucha. Zudem sollten die Mahlzeiten möglichst wenige Kohlenhydrate und nur hochwertiges Fett mit viel Omega-3-Fettsäuren enthalten. Aber keine Angst, auch Schokolade, Wein und Kaffee sind wegen der enthaltenen wichtigen sekundären Pflanzenstoffe in Maßen erlaubt. Besonders wichtig für die Darmflora sind auch prebiotische Ballaststoffe, die das Futter für die Darmbakterien darstellen und so für die Produktion der wichtigen kurzkettigen Fettsäuren sorgen. Diese wiederum liefern der Darmschleimhaut Energie. Besonders gutes Hirnfutter stellen zuckerarme Obstsorten und Gemüse, Kräuter und Gewürze sowie proteinreiche Nahrungsmittel dar.

Unterstützung durch Probiotika

Viele Menschen nutzen darüber hinaus auch Probiotika zur Unterstützung ihrer Darmflora. Aber können diese Präparate mit Milchsäurebakterien oder medizinischen Hefen auch bei psychischen oder neurodegenerativen Erkrankungen helfen? Der konkrete Einsatz von Probiotika bei psychischen Erkrankungen ist ein relativ neues Forschungsgebiet. Weil aber viele dieser Erkrankungen mit Darmproblemen einhergehen, wird immer stärker nach Probiotika geforscht, die hier hilfreich sein könnten. Bisher gibt es zu diesem Thema vorwiegend Tierversuche. So konnten bei Mäusen das Stressverhalten und die Gedächtnisleistung durch die Gabe von Probiotika verbessert werden. Auch am Menschen gibt es erste Untersuchungen, die zuversichtlich stimmen: In einer iranischen Studie mit Arbeitern auf einer Bohrinsel konnten positive

Ergebnisse bei Depressionen festgestellt werden. Vor dem Hintergrund dieser neuesten Erkenntnisse sprechen Forscher bereits euphorisch von „Psychobiotika“, also probiotischen Bakterienstämmen, die in der Lage sind, neuroaktive Substanzen wie beispielsweise Gamma-Aminobuttersäure und Serotonin zu produzieren und bereitzustellen, die direkt auf die Darm-Gehirn-Achse wirken. Bis derartige Stämme identifiziert sein werden, ist es auf jeden Fall sinnvoll, seine Ernährung mit Milchsäurebakterien zu ergänzen, um die Darmflora zu unterstützen.

Wichtig bei der Wahl des Präparats ist eine sorgfältige Auswahl sicherer, genetisch charakterisierter Stämme, und dass nicht womöglich Stämme kombiniert werden, die sich gegenseitig in ihrer Wirkung hemmen. Diese sollten eine überdurchschnittlich hohe Stabilität gegen unterschiedliche antibiotische Substanzen aufweisen, gut an der Darmschleimhaut anhaften und durch eine säureresistente Kapsel geschützt

sein. Entscheidend ist eine hohe Dosierung mit mindestens 100 Milliarden Bakterien pro Tagesdosis

(z. B. Darmflora plus select intensiv von Dr. Wolz). Denn viele Probiotika können den Darm nicht ausreichend besiedeln, weil sie in einer zu geringen Dosierung vorliegen oder durch Magen- und Gallensäure abgetötet werden.

Dr. Mathias Oldhaver