ADAPTOGENE – Pflanzen gegen Stress

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Adaptogen ist eine alternativmedizinische Bezeichnung für biologisch aktive Pflanzenstoffe, die dem Organismus helfen können, sich erhöhten körperlichen und vor allem emotionalen Stresssituationen anzupassen (von engl. to adapt, sich anpassen). Nicht zuletzt in diesen Zeiten also ein Thema von hoher Relevanz.

Einige Klassiker unter den pflanzlichen Adaptogenen sind schon relativ bekannt und weit verbreitet. Dazu zählen z. B. Melisse, Hopfen, Baldrian, Ginkgo, Rhodiola (Rosenwurz), Maca, Reishi, Ginseng, Schisandra, Noni und Safran. Aber auch exotischere Pflanzen mit zum Teil ayurvedischem Hintergrund, wie Brahmi und Ashwagandha werden immer populärer.

Da diese Pflanzen teilweise schon seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden in verschiedenen Kulturen auf der ganzen Welt zum Zweck der Beruhigung, des Ausgleichs, der Reduktion von Stress, aufgrund der antidepressiven und schlaffördernden Eigenschaften und zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit eingesetzt werden, sind diese auch für die moderne klinische Forschung von großem Interesse. Dies wird untermauert durch die mittlerweile breite und umfassende klinische Studienlage, die für einige Adaptogene in den entsprechenden Datenbanken für wissenschaftliche Publikationen zu finden ist.

Die Liste adaptogen wirkender Pflanzen ist sehr lang und auch deren Wirkungsspektrum. Alle eint jedoch eine interessante Eigenschaft. Im Gegensatz zu vielen Stimulanzien (z. B. Koffein, Nikotin, Alkohol), Drogen und entsprechenden Arzneimitteln, die auch zu den o. g. Zwecken eingesetzt werden, weisen Adaptogene in der Regel kein Abhängigkeitspotential auf. Dies kann insbesondere bei Anwendung über einen längeren Zeitraum von Vorteil sein, wenn keine Dosissteigerung nötig wird. Im Folgenden werden einige adaptogene Pflanzen im Lichte der jeweils aktuellen klinischen Studienlage vorgestellt.

Ashwagandha

Zu den am weitesten verbreiteten und auch am besten wissenschaftlich untersuchten Adaptogenen gehört Ashwagandha (lat. Withania somnifera), auch Schlafbeere genannt, deren Wurzel seit über 3000 Jahren als Heilpflanze in der ayurvedischen Lehre genutzt wird. Die Inhaltsstoffe der Wurzel sollen beruhigend und schlaffördernd, aber auch aufbauend bei Niedergeschlagenheit und Erschöpfung wirken. Neben Studien an Modellorganismen, wie Nagetieren, an denen vor allem die schlaffördernde und Stress reduzierende Wirkung untersucht wurde, gibt es mittlerweile auch eine Vielzahl von Humanstudien. Diese beschäftigen sich mit der potentiell schützenden Wirkung von Ashwagandha gegen neurodegenerative Erkrankungen, aber auch mit Die Behandlung von Angststörungen stand im Mittelpunkt einiger dieser Studien. So wurde im Rahmen einer doppel-verblindeten Placebo Humanstudie aus dem Jahr 2000 Probanden mit einer Angststörung über 6 Wochen ein Ashwagandha-Extrakt verabreicht. Doppelverblindet bedeutet übrigens, dass weder der Proband noch der Verabreichende wissen, ob es sich um das Verum oder Placebo handelt. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass die

Angststörungen durch die Einnahme des Extraktes im Vergleich zum Placebo signifikant reduziert wurden [1].

Mindestens sieben weitere klinische Studien aus den letzten 20 Jahren kamen zu analogen Ergebnissen: Untersucht wurden die stressund angstreduzierenden Eigenschaften von Ashwagandha mit Hilfe von Fragebögen, die einen quantitativen Vergleich der Symptome möglich machen. Alle Studien kamen zu dem Schluss, dass Ashwagandha Stress- und Angstsymptome signifikant mehr reduzierte als das entsprechende Placebo [2, 3, 4].

Eine aktuelle Studie aus dem vergangenen Jahr wurde mit Senioren zwischen 65 und 80 Jahren durchgeführt. Diesen wurde über 12 Wochen 600 mg eines Ashwagandha-Wurzelextraktes verabreicht und der Kontrollgruppe den angst- und suchtlösenden Eigenschaften dieser Pflanze. ein entsprechendes Placebo. Mit Hilfe von Fragebögen wurde auch hier eine signifikante Verbesserung in der Verum-Gruppe ermittelt und zwar bezüglich der Schlafqualität, des allgemeinen Wohlbefindens und der mentalen Klarheit [5].

Safran

Das Potential zur Verbesserung von Angststörungen und depressiven Symptomen wird auch dem Safran zugeschrieben. Seit Jahrhunderten ist er als traditionelle Heilpflanze zur Beruhigung und Entspannung und bei Stimmungsschwankungen bekannt. Die Blütennarben der Krokuspflanze (lat. Crocus Sativa) enthalten verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe, wie Crocin und Safranal, welche eine stimmungsaufhellende Wirkung haben sollen.

Die wissenschaftliche Datenlage zu diesem Thema fassen 2 Metastudien aus dem Jahr 2018 und 2019 übersichtlich zusammen [6, 7]. Darin wurden knapp 20 placebokontrollierte Humanstudien ausgewertet, die die antidepressiven Eigenschaften von Safran-Extrakt evaluierten. Die Auswertung ergab, dass die Extrakte bei leichten und mittleren Depressionen signifikant besser wirkten als ein entsprechendes Placebo und eine ähnliche Wirkung entfalten wie Fluoxetin, einem der weltweit meist verschriebenen Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin- Wiederaufnahme Hemmer (SSRI). Tatsächlich gibt es Hinweise, dass Safran, genau wie SSRIs, die Konzentration des Neurotransmitters Serotonin im synaptischen Spalt erhöhen kann, was häufig mit einer stimmungsaufhellenden Wirkung einhergeht [8, 9]. Die Wirkung des Safran stellte sich üblicherweise nach einer Einnahmedauer von 4–6 Wochen ein.

Rhodiola

Ein Adaptogen, das vor allem in Nordeuropa, auch in Deutschland populär ist, ist die Rosenwurz oder Rhodiola (lat. Rhodiolae rosea). Sie kommt traditionell vor allem bei stressinduzierten Beschwerden, wie Müdigkeit, Erschöpfung und Burn-out zur Anwendung [10]. Zu den wichtigsten Inhaltsstoffen entsprechender Extrakte aus Rhodiola zählen unter anderem Rosavin, Salidrosid und Tyrosol.

Studien ergaben Hinweise, dass die Einnahme von Rhodiola zu einer Erhöhung der Dopamin- und Serotonin-Konzentrationen im Gehirn führen kann. Es wird postuliert, dass einige der enthaltenen Inhaltsstoffe als sogenannte MAO-Hemmer wirken, also das Enzym Monoamin-Oxidase (MAO) hemmen [11, 12]. Dadurch wird der Abbau von Dopamin und Serotonin im Gehirn verzögert und somit deren Konzentration im synaptischen Spalt erhöht, was auch ein Wirkprinzip einiger klassischer Anti-Depressiva ist.

In diesen Studien gab es auch Hinweise darauf, dass Rhodiola die Konzentration des Neurotransmitters Noradrenalin steigern kann [11, 12]. Eine Erhöhung der Noradrenalin Konzentration führt zu einer Erhöhung der Aktivität des Sympathikus, also des anregenden, leistungssteigernden Teils des vegetativen Nervensystems. Dies könnte die traditionelle Anwendung von Rhodiola bei Müdigkeits- und Erschöpfungszuständen erklären.

Brahmi

Ein weiteres Adaptogen ist Brahmi (lat. Bacopa monnieri), welches auch kleines Fettblatt genannt wird. Es genießt große Bedeutung in der ayurvedischen Heilkunde, wo es als „Gedächtniskraut“ bekannt ist. Dies impliziert schon die hauptsächliche traditionelle Anwendung zur Stärkung der kognitiven Leistungsfähigkeit und des Gedächtnis.

Neuerdings wird Brahmi auch im Zusammenhang mit Nootropika genannt. Als Nootropikum werden Substanzen bezeichnet, denen eine positive Wirkung auf das zentrale Nervensystem zugesprochen wird. Darunter fallen z. B. auch Anti-Dementiva zur Behandlung von Demenz.

Im Rahmen von in-vivo und in-vitro Studien (also im „Reagenzglas“), aber auch in Säugetiermodellorganismen wurde die potentiell schützende Wirkung von Brahmi bei neurodegenerativen Erkrankungen, vor allem bei Alzheimer untersucht [13, 14, 15]. Es gibt Hinweise, dass insbesondere die in Brahmi enthaltenen Bacoside (aus der Gruppe der Polyphenole) der Bildung der für die Alzheimer-Erkrankung hauptsächlich verantwortlichen Beta-Amy loid Ablagerungen im Gehirn entgegenwirken könnten [16].

Klinische Humanstudien mit Brahmi untersuchen üblicherweise die Verbesserung der Gedächtnisleistung, die Lerngeschwindigkei und die kognitive Leistungsfähigkeit. 12 dieser Studien sind in einer aktuellen Meta-Studie aus dem Jahr 2019 zusammengefasst. Sie wurden mit Probanden verschiedener Altersgruppen durchgeführt und kamen relativ einheitlich zu dem Ergebnis, dass die Probanden bezüglich der o. g. Parameter (Gedächtnisleistung, Lerngeschwindigkeit etc.) durch die Einnahme von Brahmi-Extrakten im Vergleich zum Placebo profitiert haben [13].

Die hier vorgestellten vier Beispiele sind nur eine kleine Auswahl aus der sehr großen Zahl adaptogen wirkender Pflanzen, welche seit jeher in allen Kulturen und Erdteilen genutzt werden. Es wird deutlich, dass sich Heilpflanzen nicht nur bei Erkrankungen des Körpers, sondern in großer Zahl auch bei psychischen, mentalen und kognitiven Leiden etabliert haben. Die mittlerweile sehr breite und stets in Umfang und Qualität zunehmende Studienlage spiegelt die Bedeutung der Adaptogene wider und wir dürfen gespannt sein auf weitere interessante Studien und Ergebnisse zu diesem Themenkomplex.

Autor: Dr. Andreas Raab