Depression, Diabetes, Demenz - Die Drei Ds der Insulinresistenz und ihre Auswirkungen auf die mentale Gesundheit

01.09.24 12:00 AM Von Mag. Julia Tulipan

Stoffwechsel-Psychiatrie (Metabolic Psychiatry) ist eine aufstrebende neue Fachrichtung, welche die Verbindung zwischen Stoffwechselstörungen und mentalen Erkrankungen untersucht. Insbesondere die drei Ds – Depression, Diabetes und Demenz – stehen im Fokus, da sie alle eng mit Insulinresistenz verbunden sind. Dieser Artikel beleuchtet, wie Insulinresistenz das Gehirn beeinflusst, die Zusammenhänge zwischen diesen Erkrankungen erklärt und aufzeigt, wie Bewegung und Ernährung eine Rolle bei der Prävention und Behandlung spielen können.

Historischer Kontext: Trennung von Neurologie und Psychiatrie

Die Rolle Sigmund Freud's

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte Sigmund Freud eine bedeutende Trennung zwischen Neurologie und Psychiatrie ein. Freud, ursprünglich ein Neurologe, wandte sich zunehmend der Psychoanalyse zu, die sich auf die Erforschung des Unbewussten, der Träume und der psychosexuellen Entwicklung konzentrierte. Seine Arbeit legte den Grundstein für die moderne Psychotherapie und schuf eine klare Trennung zwischen den biologischen und psychologischen Aspekten von Geisteskrankheiten.

Auswirkungen dieser Trennung auf die Medizingeschichte

Diese Trennung prägte die letzten 120 Jahre der Medizingeschichte erheblich. Psychiatrische Erkrankungen wurden weitgehend unabhängig von neurologischen und physiologischen Prozessen betrachtet. Die Psychiatrie konzentrierte sich auf psychologische und soziale Faktoren, während die Neurologie sich mit den biologischen Grundlagen von Gehirnerkrankungen befasste. Diese Dichotomie führte zu einer Vernachlässigung der biologischen Aspekte psychiatrischer Erkrankungen und zu einer Fragmentierung des Wissens über das Gehirn.

Rückbesinnung auf das Gehirn als Teil des Körpers

Erst in den letzten Jahrzehnten gab es eine Rückbesinnung auf die Tatsache, dass das Gehirn nun einmal ein Teil des Körpers ist und somit ebenfalls von körperlichen und metabolischen Störungen betroffen ist. Das Gehirn ist ein besonders energiehungriges Organ. Ein Viertel unseres täglichen Energiebedarfs geht auf Kosten des Gehirns. Es sollte somit eigentlich naheliegend sein, dass dieses Organ ganz besonders sensibel auf Störungen des Stoffwechsels reagiert.


Federführend auf dem Gebiet der Stoffwechsel-Psychiatrie sind Zentren an der Universität Harvard, Stanford, Oxford und Basel.

Insulinresistenz und seine Auswirkung auf das Gehirn

Insulinresistenz (IR) ist ein Zustand, bei dem die Zellen des Körpers nicht mehr adäquat auf Insulin reagieren, was zu erhöhten Blutzuckerspiegeln führt. IR ist ein Zustand, der oft viele Jahre oder gar Jahrzehnte unentdeckt bleibt. Um IR wirklich frühzeitig zu erkennen, sollte der HOMA-IR Index bestimmt werden. Blutzucker oder Langzeitblutzucker (Hba1c) sind wenig sensibel, um die Insulinresistenz in den Anfängen zu erkennen. Langfristig kann die Insulinresistenz zu Typ-2-Diabetes führen und auch erhebliche Auswirkungen auf das Gehirn haben.

Besondere Rolle von Insulin im Gehirn

Insulin hat im Gehirn mehrere wichtige Funktionen. Es reguliert den Glukosemetabolismus, fördert das Überleben und das Wachstum von Neuronen und spielt eine Rolle bei der Synapsenplastizität, die für Lernen und Gedächtnis entscheidend ist. Insulinrezeptoren sind weit im Gehirn verteilt, besonders in Bereichen, die für Gedächtnis und Emotionen wichtig sind, wie dem Hippocampus und dem präfrontalen Kortex.

Zu viel und doch zu wenig – die Auswirkungen von Insulinresistenz auf das Gehirn

Im Fall einer Insulinresistenz finden wir eine, im ersten Moment, seltsam wirkende Situation vor. Während wir in der Peripherie hohe Insulinspiegel sehen, da die Zellen weniger auf Insulin reagieren und mehr davon produziert wird, findet sich im Gehirn wenig Insulin. Wie kann das sein? Dies erklärt sich dadurch, dass die Blut-Hirn-Schranke ebenfalls insulinresistent wird, was bedeutet, dass weniger Insulin ins Gehirn gelangt. Dies führt zu dieser paradoxen Situation, in der das Gehirn trotz hoher peripherer Insulinspiegel wenig oder gar kein Insulin erhält. Das Gehirn schwimmt im schlimmsten Fall in einer Zuckerlösung, kann aber nichts davon nutzen. Es verhungert vor den vollen Schüsseln.

Entzündung, Neurotransmitter und Hormonungleichgewichte

Insulinresistenz kann Entzündungen fördern und Hormonungleichgewichte verursachen, die beide Risikofaktoren für Depression sind. Zudem kann sie die Verfügbarkeit von Neurotransmittern wie Serotonin und Dopamin beeinträchtigen. Der ungenutzte Zucker richtet ebenfalls Schäden an. So bindet Zucker an Eiweiße, Fette und Zellmembranen, macht diese unbrauchbar und treibt so weiter die Entzündung in die Höhe. Schäden an den feinen Blutgefäßen und Nervenbahnen sind die Folge.

Insulinresistenz beeinträchtigt die Gehirngesundheit durch Entzündungen, oxidativen Stress und Störungen der Neurotransmitter. Diese Faktoren können eine Vielzahl mentaler Gesundheitsprobleme verschärfen.

Durch Krafttraining bleiben Sie fit im Oberstübchen

Ernährung ist ein wichtiger Teil, wir können es als das Fundament bezeichnen. Aber neben einer nährstoffdichten, zuckerarmen Ernährung gibt es noch einen weiteren ganz zentralen Mitspieler – das Krafttraining.

Krafttraining, auch als Widerstandstraining bekannt, spielt eine wichtige Rolle für die allgemeine Gesundheit, einschließlich der Gehirngesundheit. Die amerikanische Protein-Forscherin und Geriaterin Dr. Gabriel Lyon (https://drgabriellelyon.com/) bezeichnet die Muskulatur als das wichtigste Anti-Aging Organ.

Muskulatur ist kein passives Gewebe, sondern ein endokrines Organ, das heißt es sendet Hormone und andere Signale aus. Eines der Schlüsselsignal, welches von der Muskulatur ausgesendet wird und direkt auf unser Gehirn wirkt, ist BDNF (brain-derived neurotrophic factor) – ein Wachstumsfaktor für neue Gehirnzellen.

Was ist BDNF?

BDNF ist ein Protein, das eine entscheidende Rolle für das Überleben, das Wachstum und die Differenzierung von Neuronen im Gehirn spielt. Es ist besonders wichtig für die Plastizität des Gehirns, also die Fähigkeit des Gehirns, sich zu verändern und neue neuronale Verbindungen zu bilden, was für Lernen und Gedächtnis unerlässlich ist.

Wie lässt sich BDNF erhöhen? Sie haben es sicher schon erraten, durch Krafttraining. Krafttraining muss nicht zwingend mit Gewichten durchgeführt werden. Sie können auch Widerstandsbänder oder das eigene Körpergewicht nutzen.

Das macht BDNF für Ihr Gehirn:

  • Unterstützt die Neurogenese (die Bildung neuer Neuronen) und fördert die Gesundheit der bestehenden Neuronen.
  • Ein höherer BDNF-Spiegel verbessert die Neuroplastizität, was bedeutet, dass das Gehirn besser in der Lage ist, neue Verbindungen zu bilden und sich an neue Herausforderungen anzupassen. Dies ist besonders wichtig für das Lernen und das Gedächtnis.
  • Erhöhte BDNF-Spiegel wurden mit einem verringerten Risiko für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson in Verbindung gebracht. BDNF schützt Neuronen vor Schäden und unterstützt ihre Regeneration.
  • Menschen, die regelmäßig Krafttraining betreiben, zeigen oft verbesserte kognitive Funktionen, einschließlich besserer Aufmerksamkeit, schnellerer Informationsverarbeitung und besserem Arbeitsgedächtnis. Diese Effekte werden teilweise durch den Anstieg von BDNF vermittelt.
  • BDNF spielt auch eine Rolle bei der Regulation der Stimmung und kann dazu beitragen, Symptome von Depression und Angst zu reduzieren. Krafttraining kann den BDNF-Spiegel erhöhen, was zu einer besseren Stimmung und einem geringeren Stresslevel führen kann.

Zusammenfassende Gedanken

Die Trennung von Neurologie und Psychiatrie hat über ein Jahrhundert hinweg die Herangehensweise an mentale Gesundheit und psychiatrische Erkrankungen geprägt. Diese historische Dichotomie vernachlässigte die biologischen Aspekte der Gehirngesundheit. Erst in jüngster Zeit erkennen wir die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes, der sowohl die psychologischen als auch die biologischen Dimensionen berücksichtigt.

Insulinresistenz spielt eine zentrale Rolle in diesem neuen Verständnis, da sie nicht nur Diabetes, sondern auch Depression und Demenz beeinflusst. Insulin ist für das Gehirn von entscheidender Bedeutung, da es den Glukosemetabolismus reguliert und neuronales Wachstum und Funktion unterstützt. Bei Insulinresistenz leidet das Gehirn unter einem Insulinmangel, was kognitive Funktionen beeinträchtigt und das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen erhöht.

Bewegung und Ernährung sind entscheidende Faktoren, um Insulinresistenz zu bekämpfen und die Gehirngesundheit zu fördern. Diese Maßnahmen können das Risiko für Depression, Diabetes und Demenz signifikant reduzieren und tragen zu einer verbesserten Lebensqualität bei.

Ein ganzheitlicher Ansatz der körperliche, psychologische und biologische Faktoren integriert, bietet vielversprechende Perspektiven für die Prävention und Behandlung der drei Ds der Insulinresistenz.

Quellen

  1. Marinus, Nastasia, et al. "The impact of different types of exercise training on peripheral blood brain-derived neurotrophic factor concentrations in older adults: a meta-analysis." Sports medicine 49 (2019): 1529-1546.
  2. Miola, Alessandro, et al. "Insulin resistance in bipolar disorder: a systematic review of illness course and clinical correlates." Journal of Affective Disorders 334 (2023): 1-11.

Erschienen in:

Reformleben Magazin

Ausgabe Nr. 58 (Sep./Okt. 2024)

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Mag. Julia Tulipan

Mag. Julia Tulipan

https://juliatulipan.com/

Frau Tulipan ist Biologin und Master of Science in klinischer Ernährungsmedizin. Die Liebe zur Naturwissenschaft begleitet sie schon ihr ganzes Leben und bildet die Grundlage ihrer Beratungsphilosophie.