Über die Darmflora das Immunsystem stärken

01.01.25 12:00 PM Von Dr. Mathias Oldhaver

Wer in der kalten Jahreszeit nach Mitteln für die Unterstützung des Immunsystems fragt, dem werden nicht selten Produkte mit Vitamin C oder Zink, Echinacea, Cistus incanus oder Ingwer empfohlen. Was dabei aber oft vergessen wird, ist unser größtes Immunorgan: der Darm. Wer seine Immunabwehr umfassend unterstützen möchte, sollte deshalb die darmbasierte Abwehr nicht vergessen. 

Denn Fehlfunktionen des Immunsystems entstehen nicht selten durch Störungen der Darmfl ora. Deren Aufb au und Entwicklung ist in jedem Lebensalter für die Funktionsfähigkeit des Immunsystems von großer Bedeutung. Das Mikrobiom stellt nämlich eine wichtige Abwehrbarriere gegen Darmerreger dar und verhindert gleichzeitig das ungehinderte Wachstum bestimmter krankmachender Darmkeime. Denn durch den Verbrauch von Sauerstoff nehmen die im Mikrobiom lebenden rund 500 verschiedenen Bakterienarten schädlichen Bakterien die Lebensgrundlage. Zudem besetzen sie Lebensraum und verhindern so, dass schädliche Bakterien sich im Darm ansiedeln können. Darüber hinaus trainieren die Darmbakterien das Immunsystem des Körpers und bilden Abwehrstoff e gegen schädliche Bakterien

Schädigungen des Mikrobioms vermeiden

Rund 80 Prozent der erworbenen Immunität des erwachsenen Menschen werden durch das darmassoziierte Immunsystem dargestellt. Falsche Ernährung, Infektionen oder auch Antibiotika können diesen physiologischen Schutzmechanismus gegenüber Krankheitserregern empfi ndlich stören. So können Antibiotika zu Veränderungen führen, welche die Darmfl ora aus dem Gleichgewicht geraten lässt. Ist beispielsweise die Anzahl der Milchsäurebakterien dezimiert, können sie den pH-Wert im Darm nicht mehr leicht sauer halten und keine ausreichende Barriere für schädliche Eindringlinge bilden. Der Betroff ene wird anfälliger für Krankheiten. Antibiotika können jedoch auch das ungehemmte Wachstum unerwünschter Bakterienarten in der Darmfl ora begünstigen und damit Entzündungen auslösen, die wiederum Durchfallerkrankungen zur Folge haben. Nach einer Antibiotika-Einnahme braucht der Darm durchschnittlich etwa drei bis sechs Monate, bis er die Darmfl ora wieder ins Gleichgewicht gebracht hat.

Probiotika unterstützen Immunabwehr des Darms

Aufb au und Pfl ege einer stabilen Darmfl ora erfolgt am besten durch eine Th erapie mit Probiotika, also Präparaten mit Milchsäurebakterien. Probiotika interagieren auf vielfältige Art und Weise mit dem darmbasierten Immunsystem und beeinfl ussen die physiologischen Schutzmechanismus gegenüber krankmachenden Keimen (Pathogenen) positiv. So konkurrieren die „guten“ probiotischen Bakterien mit Pathogenen um Nährstoff e um die Plätze an der Darmschleimhaut verringern so die Gefahr, dass diese Pathogene sich an der Darmwand ansiedeln. Zudem produzieren probiotische Bakterien antientzündlich wirkende kurzkettige Fettsäuren sowie Stoff e, die antibakteriell gegen pathogene Bakterien wirken, die sogenannten Bakteriozidine. Dadurch wird das Wachstum und Überleben dieser „schlechten“ Bakterien behindert. Weitere positive Eigenschaften von Probiotika sind, dass sie die Aktivität von Immunzellen im Darm erhöhen, die Produktion von Antikörpern anregen und Giftstoffe von krankmachenden Bakterien abbauen. All diese Eigenschaften unterstützen die Immunantwort des Körpers. Vor diesem Hintergrund stellte die Cochrane Collaboration, ein Zusammenschluss von renommierten Wissenschaftlern, die Therapien und Substanzen auf Ihre Wirksamkeit überprüfen, auf Basis vieler Metastudien fest: Probiotika tragen zur Verhinderung von Infekten der oberen Atemwege bei. Ein Beispiel für einen probiotischen Milchsäurebakterienstamm ist das Bifidobacterium lactis Bl-04. Für ihn konnte in Studien gezeigt werden, dass er die Produktion von Antikörpern (Immunglobulinen) anregt und so für eine schnellere Immunantwort des Körpers sorgt. So konnten Menschen, denen dieser Stamm verabreicht wurde, besser mit Rhinoviren fertig werden, also den Viren, die den berüchtigten Schnupfen verursachen.

Übrigens gehören auch medizinische Hefestämme wie Saccharomyces cerevisiae Hansen CBS 5926 zu den Probiotika. Sie stärken die Barrierefunktion, modulieren das Immunsystem, hemmen die Invasion pathogener Keime und wirken antientzündlich. Ihr prophylaktischer und therapeutischer Einsatz ist daher nicht nur bei intestinalen Indikationen wie Reizdarm, Kolitis, Obstipation, Diarrhö oder Gastroenteritis angezeigt. Auch bei Indikationen, die außerhalb des Darms sichtbar werden wie Immunschwäche und Hautkrankheiten sowie bei Stoffwechselstörungen (z.B. LaktoseMalabsorption) haben Studien positive Ergebnisse gezeigt.

Hilfe bei Allergien

Auch bei Allergien, also dem Überschießen der körpereigenen Immunreaktion, können Probiotika offenbar positive Effekte erzielen. So haben Studien ergeben, dass die Darmflora eines Allergikers in Bezug auf die Kolonialisierungsrate von Bakterien einige Besonderheiten aufweist. So haben diese meist weniger Bifidobakterien und mehr Clostridien im Stuhl. Darmflora-Produkte können dabei helfen, dieses Gleichgewicht wieder herzustellen. Zudem stimulieren sie die Schleimproduktion und die Bildung antimikrobieller Stoffe. Aufgefallen war in Studien auch, dass nach einer Probiotika-Behandlung die Interferon-Gamma-Produktion verstärkt wurde, einem Immunbotenstoff, der die sogenannten Mastzellen unter Kontrolle hält, die eine Rolle bei allergischen Reaktionen spielen. Allergiker haben oft eine erniedrigte InterferonGamma-Produktion; deren Erhöhung könnte die Entwicklung von Mastzellen blockieren und damit Allergien vorbeugen. 

Bei Probiotika auf Qualität achten

Um einen gesundheitsfördernden Effekt zu haben, müssen Probiotika allerdings auch in ausreichender Zahl als lebende Mikroorganismen den Gastrointestinaltrakt erreichen. Dies gewährleisten Präparate mit hohen Dosierungen, die durch eine säureresistente Kapselhülle geschützt sind. Sinnvoll ist es auch, sogenannte Multi-Species-Präparate zu wählen, also solche, die mehrere Stämme enthalten, die in verschiedenen Darmabschnitten aktiv werden. Neuere Studien haben nämlich gezeigt, dass die einzelnen Bakterienstämme sich auch untereinander beeinflussen. Im Reformhaus gibt es mittlerweile hochwertige Präparate mit 22 Stämmen und 210 Milliarden Bakterien pro Tagesdosis

Erschienen in:

Reformleben Magazin

Ausgabe Nr. 61 (März/April 2025)

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Dr. Mathias Oldhaver

Dr. Mathias Oldhaver ist Heilpraktiker und Medizinjournalist. Er beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit präventiver Medizin und Naturheilkunde.