Interview mit Dr. Andreas Raab
Im letzten Teil der Serie über die Bedeutung der „Hallmarks of Aging“ für unsere Gesundheit haben wir über epigenetische Veränderungen und den Verlust der Proteostase gesprochen (s. reformleben Nr. 60). Heute möchten wir uns mit zwei weiteren Hallmarks beschäftigen: Mit der Autophagie und der deregulierten Nährstoffsensorik.

Bernhard Sillich (BS): Herr Dr. Raab, in den letzten Gesprächen haben Sie uns bereits viele spannende Einblicke in die Mechanismen des Alterns gegeben. Heute wollen wir uns mit zwei weiteren Schlüsselfaktoren beschäftigen: Autophagie und deregulierte Nährstoffsensorik. Können Sie zunächst erklären, was Autophagie ist und warum sie so wichtig für unsere Gesundheit ist?
Autophagie – Das körpereigene Recyclingsystem
Dr. Andreas Raab (AR): Sehr gerne! Stellen Sie sich Autophagie wie ein gut funktionierendes Recyclingsystem vor – oder noch besser: wie den Videospielklassiker Pac-Man. In diesem Spiel frisst Pac-Man kleine Punkte auf, um weiterzukommen. In unseren Zellen passiert etwas Ähnliches: Autophagie ist ein Prozess, bei dem Zellbestandteile, die beschädigt oder nicht mehr funktional sind, erkannt und abgebaut werden. Dadurch entsteht Platz für neue, gesunde Zellstrukturen.
Dieser Mechanismus ist essenziell, weil er den Verlust der Proteostase, den wir zuletzt behandelt haben (s. reformleben Ausgabe Nr. 60), ausgleichen kann. Wenn Proteine falsch gefaltet sind oder sich in toxischen Aggregaten anhäufen – wie es etwa bei neurodegenerativen Erkrankungen der Fall ist – kann die Autophagie diese fehlerhaften Strukturen erkennen und entsorgen. Autophagie ist also eine Art Qualitätskontrolle und Recyclingprogramm unserer Zellen.
BS: Das klingt nach einem sehr wichtigen Prozess. Funktioniert er in jeder Zelle gleich?
AR: Ja, fast jede Zelle unseres Körpers ist in der Lage, Autophagie zu betreiben. Besonders aktiv ist dieser Prozess in Zellen, die eine hohe Erneuerungsrate haben, etwa in der Leber, im Darm oder in der Haut. Doch auch Nervenzellen profitieren von einer effizienten Autophagie, da sie besonders empfindlich auf die Anhäufung beschädigter Proteine reagieren.
BS: Was passiert, wenn dieser Mechanismus nicht mehr richtig funktioniert?
AR: Wenn die Autophagie mit zunehmendem Alter oder durch ungesunde Lebensgewohnheiten nachlässt, häufen sich beschädigte Proteine und defekte Zellbestandteile an. Das führt dazu, dass die Zelle nicht mehr optimal arbeiten kann. Im schlimmsten Fall können sich diese fehlerhaften Strukturen zu toxischen Ablagerungen entwickeln, wie wir es bei Alzheimer (Beta-Amyloid-Plaques) oder Parkinson (Alpha-Synuclein-Aggregate) sehen.

Autophagie und AGE's – Warum zu viel Zucker problematisch ist
BS: Sie haben zuvor erwähnt, dass Autophagie auch mit unserer Ernährung zusammenhängt. Können Sie das näher erklären?
AR: Ein großes Problem in unserer modernen Ernährung sind Advanced Glycation Endproducts (AGEs). Diese entstehen, wenn Zucker mit Proteinen reagiert und dabei stabile, aber leider schädliche Verbindungen bildet. Ein klassisches Beispiel für diese Reaktion ist das Bräunen von Brot oder Fleisch in der Pfanne – die sogenannte Maillard-Reaktion. Im Körper passiert Ähnliches: Wenn wir dauerhaft zu viel Zucker konsumieren, kann dieser mit unseren körpereigenen Proteinen reagieren und sie verändern. Das Resultat sind AGE's, die sich in Geweben ablagern und deren Funktion beeinträchtigen. Sie spielen eine Rolle bei Faltenbildung, Gefäßverkalkung und Diabetes.
BS: Wie misst man diese Schädigungen im Körper?
AR:Ein wichtiger Laborwert in diesem Zusammenhang ist der HbA1c-Wert. Er zeigt an, wie stark unser Hämoglobin (der rote Blutfarbstoff) verzuckert ist. Ein hoher HbA1c-Wert ist ein Zeichen für dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte und ein erhöhtes Risiko für Diabetes und Gefäßschäden.
Interessanterweise hilft uns die Autophagie dabei, AGE's und andere schädliche Zellbestandteile abzubauen. Deshalb ist es so wichtig, diesen Mechanismus durch gezielte Maßnahmen wie Fasten und Bewegung zu unterstützen.

Deregulierte Nährstoff sensorik – Der Körper verliert den Überblick
BS: Kommen wir zum nächsten Hallmark: der deregulierten Nährstoff sensorik. Was bedeutet das genau?
AR: Unser Körper besitzt verschiedene „Sensoren“, die ständig messen, welche Nährstoff e in welcher Menge vorhanden sind. Diese Sensoren steuern unser Zellwachstum, die Fettverbrennung und viele weitere Stoff wechselprozesse.
Einer der wichtigsten Sensoren ist das mTORSystem (mechanistic Target of Rapamycin). Es erkennt die Verfügbarkeit von Aminosäuren und signalisiert den Zellen, ob sie wachsen oder sich eher in einen „Reparaturmodus“ versetzen sollen. Ein weiteres wichtiges System ist AMPK (AMP-aktivierte Proteinkinase), das besonders auf den Energiehaushalt reagiert und die Fettverbrennung ankurbelt, wenn wenig Energie zur Verfügung steht.
Mit zunehmendem Alter und durch eine dauerhaft zu hohe Nährstoff zufuhr – vor allem durch Zucker und raffi nierte Kohlenhydrate – verliert der Körper die Fähigkeit, diese Signale richtig zu regulieren. Die Konsequenz:
- Dauerhafte Aktivierung von mTOR → Führt zu unkontrolliertem Zellwachstum und fördert Entzündungen.
- Fehlgesteuerte AMPK-Aktivität → Beeinträchtigt die Fettverbrennung und begünstigt Übergewicht sowie Insulinresistenz.

Was können wir tun?
BS: Gibt es Möglichkeiten, unsere Nährstoff - sensorik wieder ins Gleichgewicht zu bringen?
AR: Ja, und das ist die gute Nachricht! Es gibt drei zentrale Maßnahmen, die wir in unseren Alltag integrieren können:
1. Fasten zur Regulierung von mTOR und AMPK: Intermittierendes Fasten – also Phasen, in denen wir nichts essen – kann helfen, mTOR zu senken und AMPK zu aktivieren. Das versetzt unsere Zellen in einen Reparaturmodus, in dem vermehrt beschädigte Zellbestandteile abgebaut werden.
2. Bewegung als natürlicher Booster: Sport, insbesondere Kraft training und Ausdauertraining, reguliert ebenfalls mTOR und AMPK. Während Kraft training mTOR kurzfristig aktiviert und so den Muskelaufb au fördert, sorgt Ausdauertraining für eine langfristige AMPK-Aktivierung und verbessert die Fettverbrennung
3. Ernährungsanpassungen: Eine proteinbetonte, aber nicht übermäßige Eiweißzufuhr, kombiniert mit einer niedrigen Zufuhr an verarbeiteten Kohlenhydraten, hilft , mTOR in Balance zu halten. Gleichzeitig sollten wir auf natürliche Lebensmittel setzen, da sie positive Eff ekte auf die Nährstoff sensorik haben.
BS: Herr Dr. Raab, das war wieder eine unglaublich spannende Reise durch die Mechanismen des Alterns. Vielen Dank für Ihre Zeit!
AR: Ich danke Ihnen! Und vergessen Sie nicht: Unser Körper ist erstaunlich anpassungsfähig. Kleine Veränderungen in unserem Lebensstil können langfristig einen großen Unterschied machen.
Im nächsten Teil beschäftigen wir uns mit Mitochondriendysfunktion und zelluläre Seneszenz – zwei weitere Schlüsselmechanismen des Alterns. Bleiben Sie dran!
Bleiben Sie dran!

1. Einleitung
2. Genetische Instabilität und Telomerabnutzung
3. Epigenetische Veränderungen und der Verlust der Proteostase
4. Autophagie und deregulierte Nährstoffsensorik
Erschienen in:

Ausgabe Nr. 61 (März/April 2025)
Zurück auf Normal
Die ursprüngliche Kraft einer kohlenhydratarmen Ernährung